Thirty Years War Online

Die Erinnerungsorte des Dreißigjährigen Krieges

Ausprägungen einer materiellen Gedächtniskultur von 1945 bis heute

Dissertationsprojekt an der Eberhard Karls Universität Tübingen, betreut von apl. Prof. Dr. Matthias Asche


Der Dreißigjährige Krieg war stets und ist noch heute ein wirkmächtiger Erinnerungsort. Gerade in Deutschland gibt es nach wie vor eine sehr vielfältige und lebendige Erinnerungskultur. Dass dieses Thema auch im 21. Jahrhundert noch von der Presse aufgegriffen wird, zeigen Beispiele wie etwa das Themenheft Spiegel Geschichte 4/2011, das mit dem Titel „Der Dreißigjährige Krieg. Die Urkatastrophe der Deutschen“ Ausdruck der Persistenz von Geschichtsbildern des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart ist. Ebenso wird der Dreißigjährige Krieg seit dem Friedensjubiläum von 1998 auch wieder häufiger von TV-Dokumentationen thematisiert. In der Belletristik wird auf diesen Konflikt ebenfalls seit Grimmelshausen und Schiller immer wieder zurückgegriffen, etwa in Brechts Mutter Courage (1941), worin der Alltag im Heer und dem dazugehörenden Tross beschrieben wird, oder dem fiktiven Roman Das Treffen in Telgte (1979), in dem Günter Grass Parallelen zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Nachkriegszeit im 20. Jahrhundert zieht.

Neben diesen „immateriellen Erinnerungsorten“ gibt es eine Vielzahl an Gedenkformen, die fest an bestimmte geographische Orte gebunden sind und in der Forschung als „materielle Erinnerungsorte“ bezeichnet werden (nach François/Schulze): Am Altrhein bei Erfelden nahe Oppenheim steht seit 1632 die Schwedensäule als Erinnerung an den Rheinübergang König Gustavs II. Adolf 1631. Das Heimatmuseum Erfelden und die Ried-Region insgesamt halten die Erinnerung an dieses Ereignis und den darauf folgenden Vormarsch des schwedischen Heeres mit zahlreichen Veranstaltungen und dem jüngst neugestalteten Burgpark in Ginsheim-Gustavsburg lebendig. Auch die Stadt Lützen, deren Bekanntheit mit dem Schlachtentod des schwedischen Königs 1632 untrennbar verbunden ist, steht für ein lebendiges Gedenken bis heute. Daher soll die Stadt nun Teil der im Jahre 2000 initiierten „Schwedenstraße“ werden, die bislang ein grenzüberschreitendes Kooperationsprojekt der Länder Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, einzelner Gemeinden sowie der Schwedischen Botschaft in Berlin ist. Die Schwedenstraße soll an die gemeinsame deutsch-schwedische Vergangenheit vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende der schwedischen Herrschaft in Deutschland 1815 erinnern, aber damit auch der Tourismusförderung in dieser strukturschwachen Region dienen. In diesem Rahmen wird vor allem in Stralsund mit den „Wallensteintagen“ (1991) und in Wittstock an der Dosse mit dem 1998 eröffneten „Museum des Dreißigjährigen Krieges“ dieses militärischen Konflikts des 17. Jahrhunderts gedacht.

Über die Region hinaus bekannt sind mehrere historische Festspiele, welche den Dreißigjährigen Krieg thematisieren. Dazu gehören der „Meistertrunk“ in Rothenburg ob der Tauber (seit 1881) und die „Kinderzeche“ in Dinkelsbühl (seit 1897). Auch die Wallenstein-Festspiele in Altdorf (seit 1894) und der „Wallenstein-Sommer“ in Memmingen (seit 1980) erfreuen sich großer Popularität. Die Erinnerung an den kaiserlichen Feldherrn steht dem akzentuiert protestantisch geprägten Gedenken an Gustav Adolf gegenüber. In der katholischen Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg spielt im lokalen Rahmen auch Liborius Wagner in Würzburg eine Rolle. Das Gedenken an diesen als Märtyrer verehrten Priester erlebte mit seiner Seligsprechung 1974 einen Höhepunkt und ist bis heute fester Bestandteil der Verehrungskultur im Bistum Würzburg. Für die katholische Seite ist des Weiteren vor allem auf die Erinnerung an den Liga-General Tilly in Altötting hinzuweisen, dem eine Kapelle in der Stiftspfarrkirche St. Philipp und Jakob gewidmet ist, in welcher sich auch seine Grablege befindet. Nach einem über einhundertjährigen Streit gelang es den Verehrern Tillys, in der Stadt vor der Gnadenkapelle – dem zentralen Wallfahrtsort Altöttings – dem Feldherrn ein Reiterstandbild zu errichten, das nach wie vor umstritten ist. Daher hat es sich der 2004 gegründete Historische Verein Alt-Tilly e.V. auf die Fahnen geschrieben, das Gedenken an Tilly in Altötting hochzuhalten und sich um eine Rehabilitation des als Typus des grausamen katholischen Feldherrn geltenden Tilly zu bemühen. Hinzuweisen ist zudem auf die Erinnerung der sich als Friedensstädte inszenierenden Städte Münster und Osnabrück. Vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielt hier das Gedenken an den Westfälischen Frieden eine immer wichtigere Rolle. Dabei steht heute im Zuge der zunehmenden Europäisierung und der damit verbundenen Suche nach einer gesamteuropäischen Identität der völkerverbindende Charakter des Friedens im Mittelpunkt des Gedenkens.

Die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg wird in Deutschland also auf sehr vielfältige Art und Weise lebendig gehalten und ist für die Identität einzelner Städte und Regionen von großer Bedeutung. Darüber hinaus ist zu erkennen, dass das Gedenken an diesen Krieg einen grenzüberschreitenden Charakter haben kann, wie das Friedensgedenken in Münster und Osnabrück, aber auch das gemeinsame Gedenken von Deutschen und Schweden vor allem in Lützen zeigt. Die gemeinsame Geschichte mit ihrer Anziehungskraft für Touristen aus Deutschland und dem europäischen Ausland spielt daher eine immer größere Rolle in lokalen und regionalen Marketingstrategien. Während dieser Krieg in der jüngeren Forschung nicht mehr als ein bloßer ‚deutscher’, sondern als ein gesamteuropäischer Krieg gedeutet wird und vor allem das 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens 1998 zu einer weiteren Stimulierung der deutschen Erinnerungskultur geführt hat, werden in Deutschland immer wieder neue Gedächtniskonzepte rund um den Dreißigjährigen Krieg entwickelt.

Mit dem hier skizzierten Dissertationsprojekt wird erstmals eine vergleichende Analyse von mehreren, ganz unterschiedlichen, aber durchweg zentral bedeutenden materiellen Erinnerungsorten des Dreißigjährigen Krieges im chronologischen Längsschnitt von 1945 bis heute durchgeführt. Die Intensität der Erinnerungskultur rund um den Dreißigjährigen Krieg hat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nochmals seit dem 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens 1998 erheblich zugenommen. Aus der quantitativen Zunahme der materiellen Erinnerungsorte in Deutschland seit 1945 sind zudem Chancen für die Kultur- und Tourismuskonzepte von Kommunen und Regionen entstanden. Berücksichtigung finden im Dissertationsprojekt nur solche materiellen Erinnerungsorte, die sich bezüglich ihrer geographischen Lage, ihres Entstehungszusammenhangs und der Genese ihrer Gedenkkultur wesentlich unterscheiden, um auf diese Weise ein möglichst differenziertes Bild der vielfältigen Gedächtniskultur zum Dreißigjährigen Krieg in Deutschland seit 1945 präsentieren zu können. Analysiert werden Erinnerungsorte und deren Gedenkkultur zwischen 1945 bis 1990 sowohl in Westdeutschland als auch in der DDR sowie die nach 1990 im wiedervereinigten Deutschland neu entstandenen Erinnerungsorte – jeweils mit einem knappen Rückblick auf deren ältere Erinnerungstraditionen. Auf diese Weise werden Entwicklungen, Konstanten und Brüche der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland entlang der unterschiedlichen, konkurrierenden politischen Systeme vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute aufgezeigt.

Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Untersuchung der Konflikte, die im Umfeld der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg entstehen, gelegt. Zu fragen ist beispielsweise nach möglichen Erinnerungskonkurrenzen bzw. Auseinandersetzungen bei der Auslegung der historischen Ereignisse, um so den Aushandlungsprozess des Gedenkens an den Dreißigjährigen Krieg und die daraus resultierende Identitätsstiftung innerhalb der gesellschaftlichen Trägergruppe der Erinnerung nachvollziehen zu können. Unter dem Vorzeichen der wachsenden Bedeutung des Tourismus für viele Städte und Regionen seit dem 19. Jahrhundert bildet die Untersuchung der Nutzungsmöglichkeiten von Erinnerungstraditionen einen weiteren Schwerpunkt des Dissertationsprojektes, der darüberhinaus auch vor dem Hintergrund des Wunsches nach gesellschaftlichem Zusammenhalt innerhalb von Städten in Zeiten zunehmender Pluralisierung eine immer wichtigere Rolle zu spielen scheint. Ziel dieser komparatistisch angelegten Studie ist somit die Untersuchung von Erscheinungsformen und Wandlungen deutscher Erinnerungskultur zum Dreißigjährigen Krieg in einem chronologischen Längsschnitt seit 1945 unter Berücksichtigung des politischen Systemvergleichs und des Systemwandels.

Nina Fehrlen-Weiss
(Fachbereich Geschichtswissenschaft, Seminar für Neuere Geschichte, Philosophische Fakultät, Eberhard-Karls-Universität Tübingen) http://www.uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/geschichtswissenschaft/seminareinstitute/neuere-geschichte/personen/lehrstuhl-schindling/prof-dr-asche/doktoranden/n-fehrlen.html

Empfohlene Zitierweise: Nina Fehrlen-Weiss - Die Erinnerungsorte des Dreißigjährigen Krieges – Ausprägungen einer materiellen Gedächtniskultur von 1945 bis heute. In: Dreißigjähriger Krieg Online - Projekte, hg. von Markus Meumann (Online-Ressource; URL: http://thiry-years-online.net/projekte/nina-fehrlen-weiss-erinnerungsorte [Datum des Aufrufs in eckigen Klammern]).

© Copyright 2017 by Meumann/Scheele