Erlach, Hans Ludwig von

Burger von Bern, Herr zu Kasteln (bei Schinznach im Aargau), 1627 Grossrat, 1629 Kleinrat (Rücktritt 1638), Erschaffer der bernischen Heeresreform 1628 und der ersten eidgenössischen Defensionalordnung 1629. Während des Dreißigjährigen Krieges 1618-1625 Offizier in anhaltinischen, brandenburgischen und braunschweigischen Diensten; 1625 Oberst und Generalquartiermeister in schwedischen Diensten; 1638 Generalmajor im Dienst von Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar (1604-1639); 1638 Gouverneur von Breisach; 1647 Generalleutnant in französischen Diensten; 1649 Kommandant der französischen Armee im Reich und Bevollmächtigter Frankreichs bei der Vollziehungskommission in Nürnberg zur Überwachung des Westfälischen Friedens.

Autor: Philippe Rogger

Empfohlene Zitierweise: Philippe Rogger: Erlach, Hans Ludwig von [2015]. In: Lexikon der Heerführer und hohen Offiziere des Dreißigjährigen Krieges, hg. von Markus Meumann (Online-Ressource; URL: https://thirty-years-war-online.net/prosopographie/heerfuehrer-und-offiziere/erlach-hans-ludwig-von/ [Datum des Aufrufs in eckigen Klammern]).

Lebensdaten

*30.10.1595 Bern †26.1.1650 Breisach

Konfession

reformiert

Familie, Ausbildung, zivile Ämter

  • Eltern: Rudolf (1563-1617), Landvogt von Morges und Oberst, und Katharina von Mülinen (*1561)
  • Ehefrau: 1627 Margaretha von Erlach (1611-1655), Tochter des Ulrich (1588-1611)
  • Kinder: Hans Ludwig (geb. und gest. 1627), Katharina Susanne (1629-1691), Hartmann (geb. und gest. 1634), Susanna Maria (†1698), Johanna Louisa (†1701)

Nach seiner Ausbildung in Genf 1608-1611 diente von Erlach 1611-1616 als Page am Hof des Fürsten Christian I. von Anhalt-Bernburg (1568-1630). Anschließend folgte ein kurzer Aufenthalt bei Prinz Moritz von Oranien (1567-1625) in den Niederlanden. Nach seiner Tätigkeit als Offizier in fremden Diensten 1617-1625 kehrte von Erlach 1626-1638 nach Bern zurück, wo er sich im bernischen Staats- und Militärdienst engagierte. Er amtete seit 1627 als Grossrat und schaffte 1629 die Wahl in den Kleinen Rat. Obgleich Berner Ratsherr, lebte von Erlach im Sommer auf seiner Herrschaft Kasteln und während des Winters in Basel (zuerst im Domhof und dann in seinem Haus in der St. Johannvorstadt). 1628 konzipierte von Erlach die bernische Heeresreform und schuf 1629 Entwürfe einer evangelischen sowie einer gemeineidgenössischen Defensionalordnung. 1629 führte er als Kommandant ein bernisches Aufgebot im Dienst Ludwigs XIII. (1601-1643) ins Piemont (Entsetzung von Casale) und wurde 1633 von der Berner Obrigkeit zum Oberbefehlshaber der bernischen Milizen im Aargau ernannt. Als Tagsatzungsbote Berns und Teilnehmer einer eidgenössischen Gesandtschaft nach Paris (1634-1635) nahm er neben militärischen auch wichtige diplomatische Funktionen wahr. Mehrfach sah er sich vonseiten der katholischen Orte dem begründeten Verdacht ausgesetzt, mit den protestantischen Kräften im Reich kollaboriert zu haben. So riet er etwa Bernhard von Sachsen-Weimar, das Fürstbistum Basel zu besetzen, und plante für diesen 1638 die Einnahme der vier Waldstädte Säckingen, Laufenburg, Waldshut und Rheinfelden, die unter grober Missachtung der eidgenössischen Neutralität auf Basler Gebiet vonstatten ging. Seine engen Verbindungen ins Reich kollidierten zunehmend mit seinem Amt als Ratsherr und stellten für Bern eine grosse Belastung dar. 1638 erfolgte der Rücktritt als Berner Kleinrat und Oberst zugunsten einer militärischen Karriere in fremden Diensten.

Militärische Laufbahn

1617 nahm von Erlach in venezianischen Diensten an der Belagerung der Stadt Gradiska im heutigen Bosnien und Herzegowina teil. Über die Umstände seiner ersten Dienstnahme in Venedig ist wenig bekannt. Hans Ludwig suchte nach der missglückten Belagerung seinen Vater im Piemont auf, der als Hauptmann im Berner Regiment seines Bruders Anton von Erlach (1557-1617) im Dienst des Herzogs von Savoyen gegen Spanien im Einsatz stand. Nachdem das Regiment durch Krankheit stark dezimiert worden war – auch sein Vater Rudolf, sein Onkel Anton und sein Bruder Johann Werner (1599-1617) überlebten die Ansteckung nicht –, trat Hans Ludwig in den Dienst Christians I. von Anhalt-Bernburg, der das Heer der Protestantischen Union anführte. Zunächst diente er 1618 als Fähnrich im hohenlohischen Regiment und trat dann als Hauptmann im Regiment des Fürsten von Anhalt in Erscheinung, zu dessen Hofmarschall er befördert wurde. Als über Christian I. von Anhalt-Bernburg die Reichsacht verhängt wurde, nahm von Erlach beim Markgrafen Johann Georg von Brandenburg-Jägerndorf (1577-1624) Dienst als Major und Besitzer einer Freikompanie im Regiment Siegespee. Nach Auflösung dieses Regiments wechselte der Berner Major mit seiner Freikompanie in das Regiment Gersky, das zur Armee des Herzogs Christian von Braunschweig (1599-1626) gehörte. 1623 trat er als Oberstleutnant in das wieder erschaffene Regiment Siegespee ein. Nachdem ihn der schwedische König Gustav II. Adolf (1594-1632) zum Oberstleutnant in seinem vom Rheingrafen Otto Ludwig (1597-1634) neu geworbenen Leibregiment ernannt hatte, diente Hans Ludwig 1625 dem Schwedenkönig im Rang eines Obersten und Generalquartiermeisters. 1638 machte ihn Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar zum Generalmajor und ernannte ihn nach Einnahme der bedeutenden Rheinfestung Breisach zu deren Gouverneur. In dieser Position übte er auch das Kommando über die umliegenden Garnisonen Hohentwiel, Laufenburg, Säckingen, Rheinfelden, Landskorn, Pfeffingen, Hüningen, Thann, Neuenburg, Stollhofen und Dachstein aus. Der durch Krankheit gezeichnete Bernhard bestimmte vor seinem Tod von Erlach und drei Obersten zu Direktoren, welche das Kommando über die weimarische Armee gemeinsam ausüben sollten. Nach dem Tod des Herzogs 1639 wurden die Truppen des Herzogs auf Betreiben der vier Direktoren unter französischen Oberbefehl gestellt, wobei der Berner in seiner Stellung als Generalmajor und Gouverneur von Breisach bestätigt wurde. Sein Wechsel in französische Dienste nach dem Tod Bernhards brachte ihm – etwa von Friedrich Schiller – den Vorwurf ein, bestechlich zu sein, und die weimarische Armee sowie die territorialen Eroberungen an Frankreich verkauft zu haben. 1647 wurde von Erlach zum Generalleutnant befördert und zum Stellvertreter des Marschalls von Frankreich ernannt. 1649 erfolgte seine Einsetzung als Kommandant der französischen Armee im Reich. Während der Fronde gelang es dem Berner, das unter seinem Befehl stehende Heer diszipliniert zu halten.

Klientelbeziehungen und Netzwerke

Die in der Burgerbibliothek Bern überlieferten Briefe von Erlachs zeugen von dem umfangreichen Korrespondenznetz des Berners in und ausserhalb der Eidgenossenschaft. Als hoher Offizier, Pensionär und Klient Frankreichs unterhielt er besonders enge Beziehungen zum König und seinen Ministern. Von Erlach fungierte in dieser Position unter anderem auch als Vermittler von französischen Patronageressourcen. So erwirkte er etwa 1644 bei der Königin für seinen Vetter Sigmund von Erlach (1614-1699) die Erlaubnis, sein Infanterieregiment zu kommandieren. 1648 erteilte der König aufgrund der Empfehlung des Generalleutnants Sigmund und dem französischen Kommandanten in Breisach, Pierre de Charlevoix, die Generalmajorspatente. Gleichzeitig pflegte von Erlach auch enge Beziehungen mit Vertretern des französischen Hochadels, beispielsweise mit Herzog Heinrich II. von Orléans-Longueville (1595-1663), Fürst von Neuenburg. Dieser kommandierte nach dem Tod Bernhards von Sachsen-Weimar zeitweilig dessen Armee bis Ende 1640. Es ist anzunehmen, dass der Kontakt zwischen dem Berner und Orléans-Longueville in dieser Zeit zustande kam. 1645 war es von Erlach, der das Anliegen des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein (1594-1666) hinsichtlich der Befreiung Basels vom Reichskammergericht bei Orléans-Longueville, dem französischen Hauptgesandten am westfälischen Friedenskongress, vorbrachte. Wettsteins Teilnahme am Friedenskongress, welche von Orléans-Longueville gefördert wurde, führte schliesslich zum Ausscheiden der Eidgenossenschaft aus dem Reichsverband. Von Erlach wurde während des Kongresses durch die französischen Gesandten oder dessen Dolmetscher regelmässig über den Gang der Verhandlungen informiert und als Kenner der elsässischen Verhältnisse in den Elsassverhandlungen um Rat gefragt. Als Offizier und Militärunternehmer verfügte von Erlach ausserdem über gute Kontakte zu Handelshäusern und Bankiers, so zu Marx Conrad von Rehlingen aus Augsburg, Alexander Ziegler aus Schaffhausen, Bartholome Herwarth aus Lyon und dessen Bruder Johann in Basel, Theobald Emmanuel und Hans Jakob Schönauer in Basel sowie zum Handelshaus Zollikofer-Schlumpf in St. Gallen und Lyon. Diese Beziehungen waren für die militärunternehmerische Tätigkeit des Berners fundamental. Von Erlachs Finanz- und Kreditgeschäfte sowie der Handel mit Kriegsmaterial wurden jedoch bislang nicht systematisch aufgearbeitet.

Militärische Engagements, Feldzüge

Nach ersten Kriegserfahrungen in Gradiska 1617 nahm von Erlach 1620 in anhaltinischen Diensten an der Schlacht am Weißen Berg teil. In dieser Schlacht bei Prag wurde er verwundet und geriet in Gefangenschaft. Nach seiner Freilassung (Loskauf) stellte er sich in brandenburgische Dienste und beteiligte sich an der Belagerung von Neuhäusel in Oberungarn. Während dieser Kampagne wurde er von einer Geschützkugel getroffen. Nach seiner Genesung nahm der zum Major beförderte Berner mit seiner Freikompanie in braunschweigischen Diensten 1622 an der Schlacht bei Höchst am Main teil, wo die protestantischen Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig von Johann T’Serclaes von Tilly (1559-1632) vernichtend geschlagen wurden. Unter Graf Ernst von Mansfeld (1580-1626) zog von Erlach durch das Elsass, Lothringen und Brabant in Richtung Niederlande. In Fleurus kam es 1622 zur siegreichen Schlacht gegen Spanien. Daraufhin erzwangen die protestantischen Truppen den Abbruch der spanischen Belagerung der Stadt Bergen op Zoom. In der Schlacht bei Stadtlohn 1623, an der Hans Ludwig im Regiment Siegespee teilnahm, wurden die protestantischen Truppen von Tilly aufgerieben. Der Berner geriet zum zweiten Mal in Gefangenschaft, aus der er sich erneut loskaufte. Anschliessend trat von Erlach in schwedische Dienste. Nachdem er Gustav II. Adolf zunächst als Oberstleutnant in dessen Leibregiment gedient hatte, nahm der Berner 1625 im Rang eines Obersten und Generalquartiermeisters am Feldzug des Schwedenkönigs gegen Polen in Livland und Litauen teil. Nach seiner Rückkehr nach Bern zog er 1629 als Kommandant eines bernischen Truppenkontingents im Dienst des französischen Königs Ludwig XIII. nach Oberitalien. Der Berner Auszug an der Seite der französischen Armee diente zur Unterstützung Savoyens gegen Spanien im Piemont (Entsetzung von Casale 1629). Nach seiner Entlassung aus dem bernischen Staatsdienst war von Erlach 1638 als Generalmajor der weimarischen Truppen massgeblich an der Einnahme der habsburgischen Festung Breisach beteiligt. Im Vorfeld dieses Feldzugs am Oberrhein wurde der Berner von Bernhard von Sachsen-Weimar mit der wichtigen diplomatischen Mission nach Paris betraut, um dem Herzog die notwendige Unterstützung Frankreichs zu sichern. Als Gouverneur von Breisach unternahm von Erlach verschiedene kleinere militärische Operationen. So besetzte er 1640 das Städtchen Engen, nahm 1642 Tuttlingen ein, eroberte 1645 die Schlösser Lichtenau, Kuppenheim und Stollhofen, wodurch die Markgrafschaft Baden nach Breisach kontributionspflichtig wurde, oder zerstörte 1646 das Schloss Wildenstein bei Thann. Im Flandernfeldzug 1648 befehligte der zum Generalleutnant ernannte Berner die französische Reserve. Das Eingreifen seiner Truppen in die Schlacht bei Lens im August 1648 trug entscheidend zum Sieg Frankreichs gegen die spanischen Verbände bei. Als 1649 Spanien in die Picardie einfiel, zog der zwischenzeitlich zum Kommandanten der französischen Armee im Reich beförderte Berner erneut nach Frankreich. Während des Marsches erkrankte er allerdings schwer und übergab das Kommando an seinen Verwandten Generalmajor Sigmund von Erlach. Von Erlach kehrte daraufhin nach Breisach zurück, wo er im Januar 1650 starb.

Kriegsunternehmerische Tätigkeit

1632 wurde von Erlach die Werbung von zwei Regimentern für Gustav II. Adolf durch die vier evangelischen Städte abgeschlagen. Als sich 1633 spanische, kaiserliche und bayerische Truppen der Eidgenossenschaft näherten, um die Waldstädte zu belagern, rekrutierte er als Oberst der bernischen Milizen im Aargau zum Schutz der Grenzen ein Regiment (10 Kompanien) zu Fuß und Kavallerie. Als Gouverneur von Breisach bestand eine seiner Hauptaufgaben darin, Soldaten anzuwerben. Nebst der Mobilisierung von Soldaten war von Erlach auch um die Beschaffung kriegswichtiger Güter wie Pferde, Waffen etc. besorgt. In Zusammenarbeit mit den beiden Kaufmännern Alexander Ziegler aus Schaffhausen und dem Augsburger Marx Conrad von Rehlingen rüstete er die weimarischen Truppen mit Kriegsmaterial und Lebensmitteln aus. 1644 bewilligte ihm der französische Hof die Rekrutierung eines Infanterie- und eines Kavallerieregiments. Drei Jahre später, 1647, erhielt er die Erlaubnis, ein weiteres Infanterieregiment auszuheben, wobei ihm Kardinal Mazarin (1602-1661) zusätzlich einen Truppenverband von 5000 Mann unterstellte. 1648 rekrutierte der Generalleutnant ein grosses Korps aus deutschen und französischen Infanteristen und Kavalleristen für den geplanten Flandernfeldzug. Aufgrund der häufig ausbleibenden Gelder aus Paris sah sich der Berner wiederholt dazu veranlasst, zur Bezahlung der Truppen Vorschüsse aus seinem Privatvermögen auszurichten. Immer wieder wandte er sich schriftlich an den Hof und machte sich mitunter persönlich auf den Weg nach Paris, um ausstehende Soldgelder oder die Begleichung seiner Vorschüsse einzufordern. Beim Tod von Erlachs soll ihm die französische Krone 200.000 Livres geschuldet haben.

Quellen

Burgerbibliothek Bern, Manuscripta historica helvetica

Porträts

Burgerbibliothek Bern:
Unbekannter Maler, Öl auf Leinwand, 118 x 93 cm
Unbekannter Maler, Öl auf Leinwand, 98 x 79.5 cm

Privatbesitz:
Jean Frosne (um 1630 bis nach 1676), Kupferstich, 35.5 x 25.5 cm

Literatur

Erlach, Hans Ulrich von: 800 Jahre Berner von Erlach. Die Geschichte einer Familie, Bern 1989.

Fetscherin-Lichtenhahn, Wilhelm: Hans Ludwig von Erlach, Generalmajor. Ein Lebens- und Charakterbild aus den Zeiten des dreissigjährigen Krieges, in: Berner Taschenbuch 10 (1861), S. 1-96.

Gonzenbach, August von: Der General Hans Ludwig von Erlach von Castelen. Ein Lebens- und Charakterbild aus den Zeiten des dreissigjährigen Kriegs, 3 Bde., Bern 1880-1882.

Jorio, Marco: Erlach, Johann Ludwig von, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.11.2005, URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D19678.php.

Links

GND

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